Ja wo leb ich denn?!

Beim irischen Volksentscheid über die Zulassung der Homo-Ehe deutet sich eine klare Mehrheit der Befürworter an.

Erste Ergebnisse bei der am Samstagmorgen begonnenen öffentlichen Auszählung zeigen einen Vorsprung des „Ja“-Lagers im Verhältnis von etwa 2:1. Das berichten irische Medien aus den Stimmkreisen. Insgesamt waren bis zu 3,2 Millionen Iren zur Stimmabgabe aufgerufen.

Sollte sich der Trend bestätigen, würde das stark katholisch geprägte Irland Geschichte schreiben: Die Republik wäre das erste Land, das per Volksentscheid Eheschließungen gleichgeschlechtlicher Paare ermöglicht. (zitiert von web.de)

Okay, und jetzt mal ganz pragmatisch gedacht: Ich lebe in einer demokratischen Republik, mit allen Freiheiten der modernen Gesellschaft. Und trotzdem wird mir verboten, meine eventuell Zukünftige als Ehefrau bezeichnen zu dürfen. Weil eine veraltete Partei an der Regierungsspitze steht und den Begriff „Familie“ schützen will. Ganz ehrlich: Was bedeutet denn heute Familie? Wir haben zig Scheidungskinder in dieser Zeit, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Pflegeeltern und und und… Ich selbst gehöre zur Generation Scheidungskind, mein Vater hatte erneut geheiratet, sodass ich noch Stiefschwester, Stiefbruder und zig Stieftanten und Onkels und sonstwas habe. Und trotz allem ist was aus mir geworden. Trotz Scheidung und Drama, trotz Pubertät und dergleichen.

Ich freue mich sehr für die Iren, freue mich für den Fortschritt des Landes. Die Lösung von Kirche und Staat; die Entwicklung einer offenen Gesellschaft. Dort wird es nicht „eingetragene Partnerschaft“ heißen, sondern Ehe. Ehe. EHE! Keine Zwangsoutings in Bewerbungen, keine Diskriminierung in Formularschlachten, keine eingeschränkten Rechte. Kein Adoptionsverbot von homosexuellen Partnern (ja, für diejenigen, die es noch nicht wissen: Selbst eingetragene Partner dürfen NICHT als Paar adoptieren, sondern nur als Einzelperson). Absolute Gleichberechtigung. Großbritannien, Spanien und nur Irland. Alles in unsren Augen als verschriien katholische Länder haben die gleichgeschlechtliche Ehe akzeptiert und in ihren Gesetzen verankert. Länder, wo wir klischeemäßig an hochgezogene Kragen, die Queen oder das Ave Maria denken, präsentieren sich in einem anderen Licht.

Zurück nach Deutschland: Wir sind offen, wir sind weltgewandt. Wir sehen uns als eine pulsierende Gesellschaft, die sich als tolerant und respektvoll präsentiert. Und trotz aller Moderne, Gleichberechtigung der Geschlechter und der angeblichen Förderung der Jugend bleiben wir, was wir eigentlich sind: Heuchler und Trugbilderschaffer. Und wenn ich von Wir spreche, spreche ich allen voran von der Regierung. Jenen dort oben, die in ihren verstaubten Gehirnen danach schauen, dass ihnen die altgedienten Wähler nicht davonrennen. Jene, die ihr Geld durch Lobbyismus verdienen und dabei vergessen, wofür sie eigentlich damals Politik studiert hatten. Ich wette, sie alle da oben wollten einmal die Welt verändern. Und ich wette, sie alle vergaßen es durch den Luxus und die heimlichen Gelder, die ihnen mehr und mehr in den Rachen geschoben wurden.
Heute ist ein Tag, an dem ich mich schäme, Deutsch zu sein. Ich sehe, wie andere Länder vorausschauen und das rechtens machen, was das Normalste auf der Welt ist. Und dann sehe ich mich hier in diesem Land um und schäme mich. Für die altbackenen Aussagen. Für die Sturheit. Für den gefühlten Kindergartenkampf, der ausgefochten wird.

Ob es in der nächsten Regierung wohl anders aussähe? Ich hoffe es… und zweifel es zugleich an. Vielleicht sollte ich auswandern.
In Irland nimmt man mich wenigstens ernst.

to all irish people: I congrats you for this public vote! That’s future! That’s the people choice. I’m really really glad and happy for your guys. Proud to be!

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